Jahresbericht 1999
des Berliner Beauftragten für Datenschutz und Akteneinsicht
4.8 Organisation und Technik
4.8.1 Verschlüsselung im Berliner Landesnetz - eine unendliche
Geschichte?
Es war zu Beginn des Jahres 1994, als bei den Planungen zum
Berliner Landesnetz zwei Datenschützer schon beim ersten Treffen
darauf hinwiesen, dass personenbezogene Daten bei der Übertragung vor
unbefugter, auch unabsichtlicher, Kenntnisnahme, Veränderung oder
Löschung zu bewahren sind. So verging Jahr um Jahr, Kabel um Kabel wurde
gezogen, eine um die andere Verwaltung wurde an das Landesnetz angeschlossen und
es wurden fleißig Daten übertragen. Unsere regelmäßigen
Hinweise auf ein Verschlüsselungsgebot wurden zwar kopfnickend zur
Kenntnis genommen, jedoch verschlüsselt wurden die personenbezogenen
Daten nicht. So kam dann das Jahr 1999. Sollte nun etwa alles anders
werden?
Erst jetzt erfolgte eine Ausschreibung für ein
verfahrenübergreifendes und anwendungsunabhängiges
Verschlüsselungsprodukt für das Berliner Landesnetz durch den
Landesbetrieb für Informationstechnik (LIT). Im Anschluss an die
Ausschreibung wurden zwei Produkte ausgiebig getestet.
Das cryptSSL-Verfahren der Firma Giesecke & Devrient
basiert auf einem symmetrischen Verschlüsselungsverfahren (die Ver- und
Entschlüsselung von Daten basiert hierbei auf ein und demselben
Schlüssel) mit einer Schlüssellänge von 128 Bit. Die
Voraussetzungen für eine genügend sichere Datenübertragung
wären damit gegeben. Leider konnte dieses Produkt nicht erfolgreich mit dem
Berliner Haushaltsverfahren ProFiskal und dem auf SAP R/3 basierenden
Personalverfahren IPV getestet werden.
Den Zuschlag in dem Ausschreibungsverfahren erhielt das
Produkt SunScreen SKIP der Firma Sun Microsystems. Dieses Verfahren basiert auf
dem wohl bekanntesten symmetrischen Verschlüsselungsverfahren DES
(Data Encryption Standard) und konnte erfolgreich mit den Berliner
Großverfahren getestet werden. Der DES-Algorithmus arbeitet
standardmäßig mit einer Schlüssellänge von 56 Bit. Das
Produkt SunScreen SKIP unterliegt jedoch den amerikanischen
Exportbeschränkungen für Waffenlieferungen und darf daher in
Deutschland nur mit einer Schlüssellänge von 40 Bit eingesetzt werden,
eine Schlüssellänge, die einem Brute-Force-Angriff
(computergestütztes Ausprobieren aller möglichen Schlüssel) mit
leistungsstarken Rechnern nur kurze Zeit standhält: Ein Rechner, der
für die Ermittlung eines 56-Bit-Schlüssels im Mittel 30 Tage
benötigt, errechnet einen 40-Bit-Schlüssel im Mittel in 40 Sekunden.
Ein Antrag auf eine Ausnahmegenehmigung für eine Schlüssellänge
von 56 Bit ist zwar möglich, jedoch dauert die Bewilligung einerseits 8 -
12 Monate. Andererseits werden die die Sicherheit erhöhenden 16 Bit mehr an
Schlüssellänge bei der NSA (National Security Agency) in den
USA hinterlegt, so dass zumindest dieser Nachrichtendienst Zugang zu den Daten
erhalten kann.
Auch das Bundesamt für Sicherheit in der
Informationstechnik hat bereits 1994 darauf hingewiesen, dass selbst eine
Schlüssellänge von 56 Bit angesichts der Entwicklung schnellerer
Rechner für künftige Verfahren nicht mehr zu empfehlen ist und
stattdessen auf Verfahren wie z. B. Triple-DES (dreimaliges Anwenden des
DES-Algorithmus mit zwei verschiedenen Schlüsseln) mit der
Schlüssellänge von 112 Bit zurückgegriffen werden sollte.
Gleichwohl haben wir uns bisher darauf beschränkt,
für die gängigen personenbezogenen Anwendungen eine
56-Bit-Verschlüsselung zu fordern, weil angenommen wird, dass die im
Berliner Landesnetz zu übertragenen Daten keine solche Begehrlichkeiten
wecken, dass von Angreifern der notwendige Aufwand betrieben wird, um diesen
Schlüssel anzugreifen.
Diese Annahmen werden zunehmend brüchig und können
angesichts der technischen Entwicklung nur noch für beschränkte Zeit
als gültig angesehen werden. So wurde mittlerweile bekannt, dass Daten
über Empfänger sozialer Transferleistungen bei Unternehmen hohe
Begehrlichkeiten wecken, die auf die Beschaffung von Daten über die
Kreditwürdigkeit spezialisiert sind. Ferner ist bekannt, dass
Wirtschaftsspionage ein wesentliches Motiv zur "Überwachung"
des Datenverkehrs darstellt. Daher halten wir symmetrische Verfahren nur
für zukunftssicher, wenn die Schlüssellänge mindestens 112 oder
128 Bit beträgt. Mit 56-Bit-Verschlüsselungen dürfte man
professionellen Angriffen nicht mehr lange entgegenwirken können.
Die 40-Bit-Verschlüsselung hilft also nur gegen die
unbeabsichtigte und beiläufige Kenntnisnahme des Datenverkehrs. Sensible
Daten, die die Begehrlichkeit Dritter wecken, können damit nicht wirksam
geschützt werden. Aus diesem Grunde hat es uns überrascht, dass der
Landesbetrieb für Informationstechnik dieses Verschlüsselungsverfahren
im Ergebnis einer Ausschreibung überhaupt erprobt hat.
Mittlerweile wird ein deutsches Verschlüsselungsprodukt
für den Einsatz im Berliner Landesnetz getestet. Dieses Produkt kann mit
verschiedenen symmetrischen Verschlüsselungsalgorithmen und einer
Schlüssellänge von bis zu 168 Bit arbeiten. Der Erprobungsbericht zu
diesem Test liegt vor und endet mit dem Satz:
"Das Produkt SafeGuard VPN wird für den Einsatz
im Land Berlin empfohlen. Der LIT wird auf dieser Grundlage einen
Infrastrukturdienst VPN aufbauen, mit dem eine authentisierte und
verschlüsselte Kommunikation sowohl innerhalb des Berliner Landesnetzes
(MAN) als auch über Anbindungen von Fremdnetzen realisiert
wird."
Nun scheint die Geschichte doch noch ein gutes Ende zu nehmen.
4.8.2 MS-Windows NT
Das Betriebssystem MS-Windows NT ist sehr verbreitet.
Grundsätzlich bietet Windows NT eine recht gute Abdeckung der
Sicherheitsanforderungen. Mit der Auslieferung an den Nutzer ist das
Betriebssystem jedoch auf einen möglichst unbeschränkten Zugriff
ausgelegt. Dies bedeutet, dass der Nutzer das Betriebssystem erst an seine
Sicherheitsbedürfnisse anpassen muss. Hier können Sicherheitsprobleme
entstehen, wenn der Anwender z.B nicht über ausreichende Fachkenntnisse
verfügt. Zudem werden immer wieder Sicherheitslücken in Windows NT
entdeckt.
Die Risiken bestehen in:
- Ausspähen, Manipulation und Missbrauch von
Informationen,
- Social Engineering oder andere
Passwortattacken,
- Abhören von
Netzwerkleitungen z. B. durch den Einsatz von
Sniffern,
- Sabotage des Informationssystems vor
Ort oder über Kommunikationsnetze.
Vor der Implementierung müssen Entscheidungen z. B. zum
Netzaufbau - Domänenmodell mit evtl. einzurichtenden
Vertrauensstellungen - oder die Einrichtung von Gruppen und Nutzern mit
entsprechender Rechtevergabe auf Objekte oder Verzeichnisse bzw. Dateien
getroffen werden.
Vor dem Starten des Betriebssystems kann durch Aktivierung des
BIOS-Passwortes - nur nach Eingabe dieses Passwortes startet der Rechner
- die erste Sicherheitsvorkehrung getroffen werden.
Geeignete Maßnahmen, die das Starten eines anderen
Betriebssystems oder den zusätzlichen Einsatz von Manipulationsprogrammen,
die die Sicherheitseinstellungen des Betriebssystems aushebeln, verhindern,
sind:
- die Sicherung des Rechner-Gehäuses und der
Schnittstellen für externe Geräte, z. B. durch
Verplombung,
- die Vermeidung der Installation
weiterer Betriebssysteme,
- der Schutz der
Disketten-, CD-ROM- oder anderer externer Speichermedienlaufwerke, die ein
Booten von selbigen zulassen, z. B. durch
Laufwerksschlösser,
- das Setzen des
Boot-Timeouts auf 0 Sekunden.
Als Dateisystem sollte ausschließlich NTFS
eingesetzt werden, da hiermit die "erweiterten"
Sicherheitsfunktionen von Windows NT aktiviert werden, die den Zugriff auf
Dateien und Verzeichnisse über die Zugriffskontrollliste steuern.
Das Betriebssystem kann aufgrund seines Sicherheitssystems bei
entsprechender Ausgestaltung der vorgesehenen Identifizierung und
Authentifizierung, verbunden mit der Einrichtung von nutzerspezifischen
Zugriffsrechten bzw. Berechtigungen, ein entsprechendes Sicherheitsniveau
bieten. Diese Einstellungen sind bei Berücksichtigung der Möglichkeit
z. B. des expliziten Durchreichens von Login-Anforderungen an weitere Windows
NT-Systeme sensibel zu vergeben. Rechte sollten zuerst so weit wie möglich
eingeschränkt werden, um diese z. B. bei speziellen Anforderungen zu
erweitern.
Hierbei sind jedoch für den Einsatz von
Identifizierungs- und Authentifizierungs-mechanismen dem Schutzzweck
entsprechende Mindestanforderungen zu stellen.
Dies bezieht sich insbesondere auf Festlegungen zur
Passwortgestaltung, wie z. B.:
- Mindestlänge (>=
6 Zeichen), der
Administrator mindestens 10
Zeichen,- alphanumerischer
Zeichenmix,
- zwangsweiser zyklischer
Passwortwechsel,
- Zulassen bereits benutzter
Passwörter erst nach mehreren
Wechseln[160].
Nicht allein die Passwortgestaltung ist wichtig,
sondern auch die der Benutzerkonten.
Folgende Eigenschaften sollten aktiviert werden:
- Der Nutzer muss sein Passwort ändern
können, damit ein regelmäßiger Wechsel erfolgen
kann.
- Das so genannte Einstiegspasswort, welches
der Administrator vergibt, muss sofort gewechselt werden
können.
- Das Konto sollte nach mehrmaligen
Fehlversuchen gesperrt werden, damit evtl. Einbruchsversuche unterbunden werden
können.
Mit dem Benutzerprofileditor und Anmeldeskripten können
weitere Einschränkungen für den Nutzer vorgenommen werden.
Die Zugriffsrechte auf zu vergebende Ressourcen werden mit den
folgenden Tools vergeben:
- Datei-Manager,
- Druck-Manager,
- Benutzermanager
für Domänen
und
- Benutzerprofileditor.
Weil immer wieder neue Sicherheitslöcher entdeckt werden,
sollten die angebotenen Servicepacks bzw. Patches regelmäßig
installiert werden, da hierdurch entdeckte Sicherheitslücken des
Betriebssystems geschlossen werden. Da die Installation von diesen
"Lückenfüllern" jedoch teilweise die Rechte wieder in den
unsicheren Erstinstallationszustand zurücksetzt, muss eine erneute
Kontrolle aller bis dahin durchgeführten Rechtevergaben erfolgen.
Vordefinierte Konten wie z. B. "Gast"
sollten deaktiviert bzw. überprüft werden, ob hier zu viele Rechte
vergeben wurden. Der "Administrator"-Account sollte umbenannt
werden, da ansonsten bei Hackversuchen ein erhöhtes Sicherheitsrisiko -
etwa durch eine unbegrenzte Anzahl von Anmeldeversuchen - besteht. Auch sollte
z. B. die Gruppe "Jeder" gelöscht bzw. deren Rechte so
weit wie möglich eingeschränkt werden, da bei Zugriffsberechtigung
dieser Gruppe auf ein Objekt auch Nutzer ohne Account darauf zugreifen
können. Sollte dies zu Problemen führen, so sollte zumindest der
Account "Jeder" durch die zugelassenen Benutzer ersetzt
werden.
Darüber hinaus sollten die eingestellten Dienste, die
nicht benötigt werden, deaktiviert und der Zugriff auf die Registry und das
Systemverzeichnis (nur lesender Zugriff) eingeschränkt werden:
Die Protokollierung sollte genutzt werden, da hiermit
Einbruchsversuche in das System festgestellt werden können. Hierfür
sind jedoch vorherige sorgfältige Überlegungen notwendig, da eine
ausufernde Protokollierung sicherheitsrelevante Ereignisse nicht mehr kenntlich
macht oder nur zur vorzeitigen Füllung der vorgesehenen
Speicherkapazitäten führt.
Durch den Einsatz von Zusatzprodukten können die
Laufwerke und Schnittstellen des Rechners relativ sicher geschützt
werden. Dies ist gerade beim Diskettenlaufwerk empfehlenswert, da ansonsten ein
großes Gefährdungspotential für das IT-System bestehen
würde. So können unbemerkt Kopien von Datenbeständen gezogen
werden, die sich jeder weiteren Kontrolle entziehen. Auch das unbemerkte
Einspielen von Tools ist möglich, was zu Manipulationen von Programmen oder
Daten genutzt werden könnte.
Die Hard- und Softwarekonfiguration sollte sorgfältig
dokumentiert und ständig aktualisiert werden. Dies gilt natürlich auch
für die eingestellten Sicherheitsmaßnahmen. Eine ausführliche
Dokumentation kann im Schadensfall bei der Behebung verschiedenster
Fehler sehr zur Unterstützung beitragen.
Ein guter Systemadministrator sollte typische
Hacker-Angriffstechniken kennen, damit er sich gut gegen diese schützen
kann. Z. B. kann das Ausspähprogramm "L0phtCrack" durch
Auslesen der Sicherheitskontenbank eines NT-Systems Passwörter
ausspähen, dies setzt jedoch eine gültige Kennung und Passwörter
in Verbindung mit Administratorenrechten voraus.
Folgende kostenlose Newsletter bzw. Internetseiten geben den
Systemadministratoren weitere Hinweise:
- Microsoft Security Bulletin unter
http://msdn.microsoft.com/workshop/essentials/mail.asp [LINK],
- PC
Magazin News zu Windows NT unter
http://www.pc-magazin.de/mailing/default.htm [LINK],
- SecurityFinder
unter
http://www.securityfinder.com [LINK],
- http://www.microsoft.com/security [LINK],
- http://www.trustedsystems.com/NSAGuide.htm [LINK],
- http://www.ntbugtraq.com/archives/ntbugtraq.html [LINK],
- http://www.ntshop.net/ [LINK],
- http://www.it.kth.se/~rom/ntsecindex.html [LINK],
- http://www.topsecret.net/NT/index.htm [LINK],
- http://www.ntresearch.com/ntsec.html [LINK],
- http://www.ntfaq.com [LINK],
- http://ntsecurity.ntadvice.com [LINK].
schutz Nr. 25, 2. Auflage 1999, Anlage 2
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